Zivilcourage

02/2011, Peter Siwon: Das Böse braucht das Schweigen der Mehrheit“, so beschrieb Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der UNO, das Phänomen des Bystander-Effekts. Er besagt, dass die Bereitschaft zum Eingreifen in Notsituationen mit der Anzahl der umstehenden Beobachter sinkt. Obwohl die meisten Menschen sich für hilfsbereit halten, zeigt sich, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine erhebliche Lücke klafft, wenn es darauf ankommt.

Eine Umfrage der Fachzeitschrift Gehirn und Geist im Juli 2010 unter 1000 Bundesbürgern ergab Folgendes: 32% der Männer und 40% der Frauen griffen nach eigenen Angaben (!) nicht  ein, wenn Sie Zeugen von Gewalt wurden. Im Falle, dass die Befragten selbst Opfer einer Gewalttat waren, wurde nur jedem zweiten Mann und nur zwei von 3 Frauen geholfen.
Versuche zeigten, dass die Hilfsbereitschaft stark nachlässt, wenn andere Personen untätig bleiben. In einem Versuch, den eine Arbeitsgruppe um Dieter Frey 2006 durchführte, war die Bereitschaft einer Frau zu helfen, die durch einen Mann belästigt wurde, nur bei jeder zweiten Person zu erkennen, wenn diese die gestellte Szene alleine beobachteten. In der Gegenwart einer zweiten untätigen Person (ein Komplize des Versuchsleiters) sank die Bereitschaft auf nur knapp 6%!
Die psychischen Hürden, die zu nehmen sind, bevor Zivilcourage gezeigt wird sind nicht zu unterschätzen. 1. Die Situation muss richtig wahrgenommen und bewertet werden. 2. Die Person muss sich verantwortlich fühlen. 3. Die Person braucht geeignete Handlungsmuster, die der Situation gewachsen erscheinen. 4. Die Person muss aktiv werden. Nur wenn die subjektive Einschätzung der Situation das Gefühl derVerantwortung weckt und dann auch noch genügend Selbstvertrauen besteht, mit dieser Situation umgehen zu können, wird eine Person eingreifen.
Untätige Beobachter suggerieren uns entweder, dass ein Eingreifen nicht angebracht oder zu gefährlich ist. Die Beobachtung, dass andere auch nicht handeln, mindert das Gefühl persönlicher Verantwortung. Die Psychologen nennen das Verantwortungsdiffusion. Überzogene oder unrealistische Zielsetzungen wie „ich muss den Angreifer KO schlagen“ oder die Angst, einen Fehler zu machen, wirken der Handlungsbereitschaft entgegen.
Die Schlüssel zur Zivilcourage liegen also darin, die o.g. Phänomene zu verstehen, Situationen entsprechend zu bewerten und sich die notwendige Handlungskompetenz anzueignen. Bei Handlungskompetenz geht es nicht darum, sich für Heldentaten zu rüsten. Es genügt, wenn wir unsere Möglichkeiten erkennen und nutzen, denn eine kleine Lösung ist besser als keine.
Dem Opfer gelingt es am besten Helfer zu aktivieren, wenn es die Umstehenden aus Ihrer Anonymitätherausreißen, indem es Personen gezielt anspricht. Z.B. „Sie da mit dem roten Pulli, rufen Sie die Polizei.“

Fazit für die Projektarbeit:

Bauen Sie nicht auf schweigende Mehrheiten, wenn Sie Entscheidungen treffen, denn es könnte sich dabei nur um unentschlossene oder unsichere Menschen handeln. Streben Sie aktive und persönliche Zustimmungen oder Meinungsäußerungen an. Warten Sie nicht darauf, dass andere handeln, sondern handeln Sie selbst. Holen Sie sich die Sicherheit für kompetentes Handeln, indem Sie sich auf kritische Projektsituationen vorbereiten.

Quellen:

Vreonika Brandstätter, Nicht bloß für Helden, Gehirn&Geist, 09/2010

Fischer, P. et al.: The Unresponsive Bystander, European Journal of Sozial Psychology 36, S. 267-278, 2006

Jonas, K.J. et al.: Zivilcourage Trainieren! Theorie und Praxis, Hofgrefe, Göttingen 2007

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