Warum es keine Erfolgsrezepte gibt

Ergänzungen zum Buch “Die menschliche Seite des Projekterfolgs” von Peter Siwon, dpunkt.verlag, 2010

Das Thema Neurologie, Psychologie und Projektmanagment ist ständig im Fluss. Damit Sie als Leser meiner Publikationen von meinen aktuellen Erkenntnissen und Erfahrungen profitieren können, habe ich das wichtigste und interessanteste auf dieser Website für Sie zusammengestellt.

Von Mücken und Elefanten

Warum es keine Erfolgsrezepte gibt

Super businessman
Allgemeingültige Erfolgsrezepte für Erfolg sind eine Illusion

11/2012: Ist es nicht verwunderlich, dass trotz der Unzahl von Büchern und Trainings mit Titeln wie „Die 10 besten Tipps um reich und glücklich zu werden“, die Mehrzahl der Menschen weder reich sind noch sorglos leben? Der Grund liegt weniger darin, dass die Mehrzahl der Menschen zu dumm ist, die Erfolgsrezepte anzuwenden. Es liegt vielmehr daran, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit oft falsch eingeschätzt wird.

Betrachten wir zunächst das Phänomen der Fehleinschätzung von Erfolgswahrscheinlichkeiten am Beispiel Lotto, Aktienspekulation oder sportlicher Höchstleistung. Die subjektive Einschätzung der Gewinnchance wird durch die unterschiedliche Sichtbarkeit von Gewinnern und Verlierern beeinflusst. Der Gewinner steht im Rampenlicht, und seine Geschichte verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Die vielen Verlierer dagegen sind praktisch unsichtbar. Was zählt ist die Goldmedaille. Menschen sonnen sich gerne im Licht der Gewinner, weil sie einerseits von dem Glanz profitieren und sich andererseits gerne mit ihnen identifizieren. „Ich kenne übrigens den Franz sehr gut, wir spielen zusammen Golf.“ Das dient der Selbstdarstellung und stärkt das Selbstbild. Umgekehrt meidet man den Schatten des Verlierers. Durch diese Effekte gewinnen Erfolge im Verhältnis zu ihrer Wahrscheinlichkeit häufiger unsere Aufmerksamkeit als Misserfolge. Je unwahrscheinlicher und spektakulärer der Erfolg ist, desto stärker tritt dieses Missverhältnis in Erscheinung. Unser Gehirn registriert damit wesentlich häufiger und intensiver Eindrücke von Gewinnern als von Verlierern. Auch wenn die Statistik sagt, dass es sich nicht lohnt, Lotto zu spielen, an der Börse zu zocken oder sich für eine Goldmedaille jahrelang zu quälen, behauptet unser intuitives Empfinden das Gegenteil. Für unsere Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit spielt es weniger eine Rolle, wie oft ein Ereignis eintritt, sonder vielmehr, wie intensiv und häufig es unsere Aufmerksamkeit erregt. So werden aus statistischen Mücken imaginäre Elefanten. Damit wird auch unmittelbar klar, welchen Einfluss der hohe Multiplikationseffekt von Medien wie Fernsehen oder Internet auf unsere Einschätzung von Erfolgswahrscheinlichkeiten haben. Wie stark dieser Effekt letztlich bei einer Person wirkt, hängt u.a. von den Lebensverhältnissen, der Lebenserfahrung, den kognitiven Fähigkeiten und der situationsbedingten Ausprägung von Gefühlen wie Angst und Euphorie ab. So neigen Menschen eher zu Gewinnspielen oder unsicheren Spekulationen, wenn sie anderweitig keine Möglichkeit sehen, ans „große Glück“ zu kommen. Je weniger Geld sie besitzen und je schlechter die Aussichten sind, anderweitig an Geld zu kommen, desto eher spielen Menschen Lotto. In Wirtschaftskrisen steigt deshalb in der Regel die Zahl der Lottospieler.
Doch auch bei den Gewinnern selbst schlägt die Wahrnehmungsverzerrung zu. Zunächst tendiert der Mensch dazu, sich die Gründe für den Erfolg vor allem selbst zuzuschreiben. Das dadurch entstehende (objektiv übersteigerte) Selbstvertrauen und positive Selbstbild bietet Vorteile: Die Aura des Erfolgs ist sexy und erleichtert den Zugang zu wichtigen Ressourcen und Beziehungen. Hochstapler haben sich genau auf diesen Effekt spezialisiert. Die Bestätigung des Erfolgs von außen führt zu einer weiteren Steigerung des Selbstvertrauens. Aus dem so gesteigertem Gefühl der Stärke erwächst die Illusion, genau zu wissen, worauf sich der Erfolg gründet. Der Gewinner konstruiert sich retrospektiv sein persönliches Erfolgsrezept und generalisiert es ohne jede statistische Grundlage. Er selbst und auch andere wissen nicht, wie oft dasselbe Rezept bereits ohne großes Aufsehen gescheitert ist oder gerade einmal Mittelmaß möglich machte. Zudem muss man davon ausgehen, dass keiner die Erfolgsfaktoren und ihre Wechselwirkungen vollständig kennt und versteht. Dazu ist die menschliche Wahrnehmung zu selektiv und zu verzerrt. Die meisten Prozesse und Systeme sind viel zu komplex, um lückenlose Ursache-Wirkung-Beziehungen zu erfassen, geschweige denn zu verstehen. Zweifellos gibt es Faktoren wie Ausbildung, kognitive Fähigkeiten des Elternhauses (LifE-Studie der Universitäten Potsdam, Zürich und Konstanz) oder die Fähigkeit, mit Misserfolgen umzugehen, die die Chancen auf Erfolg steigern. Kein Mensch weiß, welches Mischungsverhältnis aus Fleiß, Talent, Glück und anderen Faktoren zum Erfolg geführt hat. Niemand kann einschätzen, welche Folgen der Erfolg oder Misserfolg von heute in der Zukunft haben wird. So mancher Erfolg kommt wie ein Bumerang als Misserfolgs zurück und umgekehrt. Die Menschheit hat allerdings großes Talent entwickelt, sich das Gegenteil vorzumachen.
So sind viele Erfolgsstories oft nicht mehr wert als schöne Märchen mit Happy End. Sie geben uns ein paar plausible Hinweise, Mut und Optimismus, aber kein allgemeingültiges Erfolgsrezept. Wer Kochbücher und Erfolgsbiografien lesen kann, wird nicht zwangsläufig zum Sternekoch, Börsenguru oder Superstar.
Fazit: Unsere Wahrnehmung von Erfolg und Misserfolg wird durch die sehr unterschiedliche Sichtbarkeit und die subjektive Interpretation verzerrt. Die Neigung, auch in der Projektarbeit den Erfolg einseitig zu verklären und den Misserfolg schnell unter den Tisch zu kehren, führt nicht selten zu einer unrealistischen Einschätzung von Chancen und Risiken. Dieser Tendenz können wir entgegenwirken, in dem wir klarer zwischen objektiven Beobachtungen und subjektiven Interpretationen differenzieren. Es geht vielmehr um die Frage „Was ist tatsächlich passiert und was können wir daraus lernen?“ als um die Frage „Was war gut oder schlecht?“. Oft gelingt das nur mit Hilfe von Tools und Personen, die eine weitgehend neutrale Analyse von Projektverlauf und erzielten Ergebnissen ermöglichen. Die Erfahrungen, die wir so aus (vermeintlichem) Misserfolg oder Erfolg ziehen, können damit wichtige Hinweise für künftige Projekte liefern. Dabei sollten wir stets im Hinterkopf behalten, dass jedes Projekt ein Unikat ist, auf das sich diese Erfahrungen in der Regel nicht eins zu eins abbilden lassen.

Quellen:
Rolf Dobelli, Die Kunst des kalren Denkens, Hanser, 2011
Peter Siwon, Die menschliche seite des Projekterfolgs, dpunkt, 2010
Zimbardo, Philip G./ Richard J. Gerrig: Psychologie, Pearson Education, München, 2004

Bild: julien tromeur – Fotolia

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