Nachbilder – Ich sehe etwas, was Du nicht siehst!

Ergänzungen zum Buch “Die menschliche Seite des Projekterfolgs” von Peter Siwon, dpunkt.verlag, 2010

Das Thema Neurologie, Psychologie und Projektmanagment ist ständig im Fluss. Damit Sie als Leser meiner Publikationen von meinen aktuellen Erkenntnissen und Erfahrungen profitieren können, habe ich das wichtigste und interessanteste auf dieser Website für Sie zusammengestellt.

Nachbilder – Ich sehe etwas, was Du nicht siehst!

02/2012: Optische Täuschungen zeigen uns immer wieder auf unterhaltsame Weise, wie sehr unsere Sinnesorgane und unser Gehirn die Wahrnehmung beeinflussen. Ein sehr interessantes Phänomen sind in diesem Zusammenhang die sogenannten Nachbilder.

Was wir in unserem Bewusstsein als Bild der Realität wahrnehmen ist das Ergebnis vieler biologischer Verarbeitungsprozesse. Es ist nicht die Realität sondern eine vom Gehirn durchgeführte pragmatische Interpretation von elektrischen und chemischen Signalen. Wenn eine optische Täuschung angekündigt wird, sind wir auf der Hut. Doch wenn wir nicht gewarnt sind, dann nehmen wir irrtümlich an, dass das, was wir sehen, wahr ist. Doch genau genommen sehen wir nie die Realität, sondern nur das was Sensoren, Nervensystem und Gehirn daraus machen. Die Wahrnehmung ist eine Wahrannahme.

Was ist nun ein Nachbild? Wenn Sie Lust haben, machen Sie bei folgendem kleinen Experiment mit, um dieses Phänomen selbst zu erleben:
Klicken Sie, nachdem Sie diesen Absatz fertig gelesen haben, auf einen der unten angegebenen Links. Damit laden Sie ein pdf-File, das ein Wort groß auf Ihrem Bildschirm zeigt. Sie sehen ein farbiges Wort z.B.rot  auf weißem Hintergrund. Allerdings entspricht der Farbton des Worts nicht seiner Bedeutung. Setzen Sie den Mauszeiger so, dass Sie beim Klicken auf die nächste Seite wechseln können ohne die Blickrichtung zu verändern. Diese Seite ist leer, d.h. eine weiße Fläche. Jetzt fixieren Sie den schwarzen Punkt in der Mitte des Worts etwa 30 Sekunden. Dann klicken Sie mit der Maus. Sie werden nun das Wort als Trugbild in einer anderen Farbe auf dieser leeren Seite sehen. Wenn Sie dabei blinzeln können Sie den Effekt verlängern.

gelb, grün, rot, blau

Wie erklärt sich nun dieses Phänomen? Die Netzhaut unseres Auges, auf die durch die Pupille das Licht fällt besteht u.a. aus kleinen Zäpfchen. Diese Zäpfchen werten das Farbspektrum des Lichts aus. Es gibt drei Arten von Zäpfchen: rotempfindliche, grünempfindliche und blauempfindliche. Enthält das auf die Netzhaut projizierte Bild Rotanteile, so melden die rotempfindlichen Zäpfchen das über den Sehnerv an das Gehirn (Entsprechend geschieht das durch die anderen Zäpfchenarten mit den anderen Farbanteilen). Die Meldung erfolgt mithilfe eines elektrischen Nervenimpulses. Dieser wird durch einen chemischen Prozess in dem Zäpfchen erzeugt, der durch die spektralen Anteile des Lichts ausgelöst wird, auf die das Zäpfchen spezialisiert ist. Dabei werden lichtempfindliche Proteine namens Iodopsin zerlegt. Diese zerlegten Proteine werden dann durch Enzyme wieder zusammengesetzt. Wenn das Zäpfchen, wie in unserem Experiment, längere Zeit durch das Bild rot ununterbrochen aktiviert wird, dann werden die Proteine schneller zerlegt als wieder zusammengebaut. Das Zäpfchen ist nach einer Weile erschöpft und nicht mehr in der Lage neue elektrische Impulse für Farbinformationen an das Gehirn zu liefern. Wenn der Blick nun auf eine weiße Fläche wechselt, fehlen in dem Bereich der Netzhaut, auf den bisher rot projiziert wurde, die grünen Farbanteile. D.h. das weiße Farbspektrum wird nur unvollständig durch die blau- und rotempfindlichen Zäpfchen an das Gehirn weitergegeben. Und was entsteht, wenn wir blaues und rotes Licht kombinieren? Violett. Quod erat demonstrandum!

Bei den Nachbildern schickt das Auge dem Gehirn also unvollständige Signale, die dazu führen, dass wir sehen was nicht ist. Dieser Effekt tritt nicht nur bei optischen Informationen auf. Das Gehirn versucht ständig, auch unvollständige Signale, die es über die Sinnesorgane oder den Körper  empfängt, sinnvoll zu interpretieren. Was dabei herauskommt hängt sehr stark davon ab, welche ähnlichen Signalmuster  unser Gehirn bereits kennt und wie aktiv die Bereiche des Gehirns sind, die diese Information speichern. Deshalb neigen wir dazu, im Unbekannten oder Unbegreiflichen  das Bekannte oder Naheliegende wahrzunehmen und übersehen dabei möglicherweise wichtige Unterschiede zur Realität. 

Tipp: Schauen (hören) Sie sich wichtige Informationen immer mehrmals an. Machen Sie zwischendurch eine Pause und wechseln Sie die Perspektive oder bitten Sie Personen mit einem anderen Erfahrungshorizont diese Informationen zu interpretieren. Dann machen Sie sich die Unterschiede bewusst und überlegen, wie sie entstanden sein könnten.

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