Die Körpersprache der Souveränität

Ergänzungen zum Buch “Die menschliche Seite des Projekterfolgs” von Peter Siwon, dpunkt.verlag, 2010

Das Thema Neurologie, Psychologie und Projektmanagment ist ständig im Fluss. Damit Sie als Leser meiner Publikationen von meinen aktuellen Erkenntnissen und Erfahrungen profitieren können, habe ich das wichtigste und interessanteste auf dieser Website für Sie zusammengestellt.

Die Körpersprache der Souveränität

Kompetenz zeigen und Sympathie gewinnen
Gastbeitrag von Johannes Florin

Siebte Klasse einer Knabenrealschule. Die erste Schulwoche nach den Weihnachtsferien. Auf dem Stundenplan steht Religion. Die Jungenmeute ist nicht erfreut. Vorsichtig öffnet sich die Klassenzimmertür. Eine junge Frau betritt den Raum. Noch bevor sie vorn an der Tafel steht, wissen 32 Dreizehnjährige unisono: „Die machen wir fertig – hehe!“ Das erstaunliche war, sie hatte recht, die Meute. Die junge Religionslehrerin brachte keinen Fuß auf den Boden. Wir ließen ihr nicht die geringste Chance (ja, ich war einer dieser 32 Jungs). Noch viel erstaunlicher war aber, dass wir alle im ersten Moment Bescheid wussten, ohne miteinander zu kommunizieren. Es gab kein Getuschel, keine Zettel wurden unter Schulbänken weitergereicht – der bloße Anblick der neuen Lehrkraft reichte vollkommen aus. Das Ergebnis war verheerend – vor allem für die unerfahrene Pädagogin.

Der Begriff Status hat viele Gesichter. Der Chef, der eine unliebsame Mitteilung zu machen hat, muss sich damit genauso abmühen, wie Eltern, die mit einem bockigen Kind zu kämpfen haben. Wer hat das Sagen und warum. Wer übernimmt die Führung und auf welche Art und Weise. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit in einer Gruppe, und welche Regeln sind dabei wirksam.
Status wirkt immer und überall. Frei nach Paul Wazlawik könnte man sagen: Man kann nicht nicht Status haben. Das ist bei so gut wie allen sozialen Lebensformen unseres Planeten so, und das ist auch gut so. Denn Status ist überlebenswichtig – Stellen sie sich eine gut besuchte Fußgängerzone ohne Statusverhalten vor. Zwei 30 jährige Männer kommen aufeinander zu. Sie haben den gleichen Weg nur in entgegengesetzter Richtung. Sie steuern genau aufeinander zu. Was würde ohne Statussignale passieren? Mit großer Wahrscheinlichkeit würden sie anfangen zu streiten, es käme vielleicht sogar zu Handgreiflichkeiten – was für eine Verschwendung von Energie, Zeit und Gesundheit. So dumm ist die Natur nicht. Sie hat für ein System gesorgt, in dem der eine durch leichtes Ausweichen des Blickes oder ein kleines Zuppeln am Mantel signalisiert, dass er dem anderen den Vortritt lassen wird und dies dann auch tut. Es kommt nicht zum Streit – keine Verletzungen sind zu befürchten. Beide Seiten – derjenige der Ausweicht und der, der seinen Weg ungehindert fortsetzen kann – gehören zu den Gewinnern.  Ein ganz normaler Tag in der Fußgängerzone – ganz ohne besondere Vorkommnisse – dank Status.
Ich möchte mich dem Umgang mit Führung und Macht aus der Perspektive der Körpersprache heraus nähern. Unser Körper ist ein unglaublich feinfühliges Instrument für den Ausdruck (und auch das Empfangen) von Führungssignalen.

Signale des hohen Status:

  • Kopf ruhig halten
  • Augenkontakt halten
  • Zeit nehmen
  • lange Ähms am Anfang eines Satzes
  • synchrone raumgreifende Gesten
  • andere berühren (u.U. sogar am Kopf)
  • Ruhe (sich Zeit nehmen)
  • einen Fuß auswärts drehen
  • tiefe Stimme
Signale des niedrigen Status:

  • Kopf Wackeln
  • Augenkontakt unterbrechen (u.U. nochmal schauen ob der andere noch schaut)
  • leicht außer Atem sein
  • kurze Ähms in der Mitte eines Satzes
  • asynchrone kleine Gesten
  • gehetzt (leicht außer Atem)
  • sich selbst berühren (u.U. mit den Fingern im eigenen Mund)
  • einen Fuß leicht einwärts drehen
  • hohe Stimme

Das Besondere an diesen Signalen ist, dass sie sowohl nach innen als auch nach außen wirken. Viele körpersprachliche Ausdrucksformen haben diese Wirkung (s. Experiment im Kasten).

Experiment: Verengen Sie die Augen zu schmaleren Schlitzen, so als würden Sie gegen ein helleres Licht sehen (nicht zu schmal – genau so). Jetzt schauen sie sich um, betrachten Sie mit diesen schmalen Augen Gegenstände, Menschen oder den Raum in dem Sie sich befinden. Und nun versuchen Sie, mit diesen schmalen Augen einen positiven Gedanken zu hegen. Gar nicht so leicht. Kurz ausschütteln. Jetzt machen Sie Ihre Augen groß und rund (wie Christbaumkugeln) und schauen Sie sich um. Und seien Sie mit diesen großen, runden Augen ärgerlich oder depressiv. Auch nicht leicht. So, wie man in die Welt hineinschaut, so schaut sie zurück. Das gleiche gilt für die Statussignale. Sie haben sowohl eine große Wirkung nach innen, wie nach außen.

Status = Macht?

Soweit so einfach – allerdings kommt es beim Thema Status immer wieder zu Missverständnissen.
Das wohl klassischste Missverständnis, welches mir am häufigsten begegnet, lautet: Der soziale Status und der körperliche Status sind gleich. Hieße also, ein König hätte immer einen hohen, und ein Bettler immer einen tiefen Status. Wir kennen aber alle die Bettler an den großen Bahnhöfen (meist junge Männer), die mit einer sehr bedrohlichen Haltung auf ihr Gegenüber zukommen, mit den Worten: „Ey, hast de mal n Euro!“ Sie bekommen Geld – von niedrigem Status aber ist keine Spur zu sehen, obwohl sie Bettler sind. Genauso denkbar ist aber die Szene, dass ein König im Mittelalter vor sein Volk tritt mit den gestotterten und von fahrigen Bewegungen begleiteten Worten: „Köpfen! Alle! Oder? Ja – köpfen – alle!“ Und sie wären geköpft worden, und zwar alle – egal, was das für eine Lusche ist, der König.
Ein weiteres Missverständnis rund um den Status geht in eine ähnliche Richtung. Viele Leute glauben, es gäbe einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Status und Kompetenz oder zwischen Status und Wissen. Nehmen wir aber nur mal die Religionslehrerin aus dem Eingangsbeispiel. Hat sie keine Kompetenzen in Sachen Religion? Ich glaube, sie war sehr gut im Studium, hatte exzellente Noten und verfügte in Sachen Moraltheologie über durchaus große Kompetenzen. Sie bekam nur nie die Chance, es auch zu zeigen. Andererseits gibt es genügend Schaumschläger, die unglaublich kompetent wirken, aber nicht den geringsten Schimmer von der Sache haben.

Hoher Status = guter Status?

Zu den Top Ten gehört auch die folgende Annahme: Der hohe Status ist immer gut, denn er ist mächtig, und wer Macht hat, erreicht stets seine Ziele. In einer meiner vielen beruflichen Rollen (der des Zauberkünstlers) gehört es zu den vornehmsten Pflichten „freiwillige“ Zuschauer auf die Bühne zu holen. Sie können sich vorstellen wie groß die Begeisterung ist, wenn der Herr Zauberer auf der Bühne sagt: „Ich brauche jetzt einen völlig Freiwilligen.“ Richtig, die Menge tobt. Was passiert, wenn ich diese Hürde mit einem hohen Status nehmen möchte, vielleicht so: „Du, komm mit!“ Klar, ohne Schnörkel aber sehr unhöflich und unsympathisch – kaum jemand kommt hier mit. Nur dadurch, dass der Zuschauer sitzen bleibt, kann er den Hochstatus total entmachten.
Niedriger Status ist immer machtlos. Mein Lieblingsbeispiel gegen diesen Glaubenssatz ist das Mutter Syndrom. Der Sohn will sich verabschieden und seine Mutter sitzt in sich zusammengesunken und sagt mit zittriger Stimme: „Geh nur! (leichtes schniefen) Ich komm ja gut zurecht! (tiefer Atmer) So ganz allein! (unterdrücktes Schluchzen)“ Na ja und dann gehen sie mal, so als Sohn. Der niedrige Status kann also sehr viel Einfluss haben (auch ohne Tränendrüse übrigens).

Statussignale richtig dosieren

Wenn aber nun der hohe Status nicht immer mächtig oder hilfreich ist, und der niedrige Status nicht immer machtlos, wenn weder soziale Rolle oder erworbene Kompetenzen automatisch Status verleihen, wie nutze ich mein Wissen um den Status dann für meinen Alltag in Beruf und Leben?
Um Ihnen meine Erfahrung diesbezüglich näher zu bringen, komme ich noch einmal auf den Berufsstand der Lehrer zurück. Sie sind die ersten Fachkräfte in unserem Leben, die uns Führungsperson und Präsentator sind. Wir alle haben alle möglichen Facetten an Souveränität und fachlicher Kompetenz bei unseren Lehrern erlebt. Ich darf Sie nun bitten, kurz die Augen zu schließen und sich an ihren Lieblingslehrer zu erinnern. Also an eine Lehrkraft, die Sie mochten und vor allem auch, von der Sie etwas gelernt haben. Merken Sie sich Ihren Eindruck.
Unsere Religionslehrerin vom Beginn dieses Artikels, Sie haben es bestimmt schon herausgefunden, war eine klassische Vertreterin des Niedrigstatus. Sie vermied Augenkontakt und zuppelte beständig an Ihrer Kleidung. Wir taten nichts von dem, was sie wollte. Irgendwann riss ihr komplett der Geduldsfaden, und sie brüllte uns an. Plötzlich war Ruhe, ich glaube wir holten auch tatsächlich die Religionsbücher heraus. Dann fing sie wieder an zu zuppeln. Wir fingen wieder an zu schwätzen und Quatsch zu machen. Sie kochte über. Wir waren kurz ruhig. Zuppeln… Schwätzen… Brüllen… Ruhe… Zuppeln… Es spielte sich ein überaus unterhaltsamer (also für uns) Rhythmus ein. Wir entdeckten (sehr schnell) welche Knöpfe wir drücken mussten, um kleine emotionale Explosionen auszulösen. Ich nenne das den Sägezahnrhythmus des niedrigen Status.
Hochstatus Lehrer sind da eine ganz andere Baustelle. Unser Musiklehrer war von der Sorte. Er kam rein, und es war sofort still. Keiner wagte, laut zu atmen, denn das konnte unangenehm werden (dann schaute er einen nämlich an – lange – sehr, sehr lange). Diese Form der Lehrer regiert über Strenge und bekommt auch Aufmerksamkeit. Bis zu dem Moment, wo dem Klassenrebell alles egal ist (bei uns hieß er Harry und musste die Schule ohnehin verlassen). An diesem Tag lernte ich die vernichtende Wirkung des passiven Wiederstandes kennen. Unser Musiklehrer verlor komplett die Fassung und seine Würde. Kein schöner Anblick, aber Harry war auch irgendwie ein Held. Tyrannen rufen immer die Attentäter auf den Plan.
Beide Extremformen der Führung (oder der Präsentation) haben so Ihre Schattenseiten. Kommen wir aber zurück zu Ihrem Lieblingslehrer. Ich wette eine große Summe, dass dieser zu keiner der beiden oben dargestellten Lehrerpersönlichkeiten gehört. Ich vermute, er oder sie war jemand der sowohl streng sein konnte, als auch mit seinen Schwächen souverän umgehen konnte. In der Welt des Status nennt man solche Könner – Statusspieler. Das eigene Statusspiel auf die Situation und ihre Ziele abzustimmen, fällt diesen Menschen sehr leicht. Aber mit ein bisschen Aufmerksamkeit und ein klein wenig Übung ist das auch für alle, denen das nicht in die Wiege gelegt ist, leicht zu bewerkstelligen.
Ein gutes Beispiel aus der Wirtschaft wäre die Verkündung der neuen Arbeitsgrundsätze XYZ in der Firma ABC. Der Chef muss seinen Leuten vermitteln, dass diese neuen (und recht umstrittenen) Regeln ab dem morgigen Tag umgesetzt werden müssen. Hier wäre es wahrscheinlich wenig hilfreich, wenn er von einem Fuß auf den anderen trippelt, an seiner Krawatte nestelt und stotternd von sich gibt: „Also – ähm – es ist ja – ähm – so, dass die Regeln – ähm – XYZ – ab morgen – ähm  – also ähm bald – zu befolgen sind – ähm.“ In dieser Situation wäre es wohl angeraten, eher souverän aufzutreten und nicht mit dem Kopf zu wackeln, damit die unvermeidlichen Regeln das nötige Gewicht haben. Wenn aber jetzt im nächsten Schritt noch gar nicht soooo ganz klar ist, wie die Regeln in dieser speziellen Abteilung umzusetzen sind, und der Chef darauf angewiesen ist, Ideen der Mitarbeiter zu bekommen, hilft der hohe Status meist nicht mehr so viel: „Mayer was haben sie für Ideen! Na, irgendeine werden sie doch haben! Mayer! Ich warte!“ – Da wird sich wohl niemand aus der Deckung wagen – von Mayer mal ganz zu schweigen. Hier wäre es vielleicht zielorientierter, dass der Chef sich setzt, sich am Kinn kratzt und fragt: „Gut, wir müssen die Regeln XYZ umsetzen – ähm – aber so ganz klar wie – ist das ja noch nicht. Hm. Hat irgendjemand eine Idee dazu?“ Hier entsteht mehr Raum für die Ideen der Mitarbeiter und die können ja bekanntermaßen sehr, sehr hilfreich und effektiv sein.


Zusammenfassung

Status ist ein sehr mächtiges Kommunikationsinstrument. Status findet immer und überall statt (sobald zwei Menschen sich begegnen). Mit dem Status situationsgerecht umzugehen erhöht die Zielorientierung der Kommunikation und deren Effektivität. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Effizienz und Spaß im Umgang mit Status.

Der Autor

Johannes Florin versteht es als Sprecher und Trainer in besonders verständlicher und unterhaltsamer Weise, den reichen Erfahrungsschatz seiner Bühnenkarriere auf die Realität der Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter abzubilden. Er macht dabei die noch unsichtbaren Potentiale persönlicher Wirkung und Ausstrahlung sichtbar und hilft dabei, ihre Entfaltung zu entwickeln.

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