Die Gefahren des Pflichtbewusstseins

Ergänzungen zum Buch “Die menschliche Seite des Projekterfolgs” von Peter Siwon, dpunkt.verlag, 2010

Das Thema Neurologie, Psychologie und Projektmanagment ist ständig im Fluss. Damit Sie als Leser meiner Publikationen von meinen aktuellen Erkenntnissen und Erfahrungen profitieren können, habe ich das wichtigste und interessanteste auf dieser Website für Sie zusammengestellt.

Die Gefahren des Pflichtbewusstseins

01/2011, Peter Siwon: Sie haben in meinem Buch das Milgram-Experiment kennengelernt. Es zeigt, dass Menschen unter dem Einfluss von Autoritäten bereit sind, andere Menschen zu quälen oder gar zu töten. Französische Forscher veröffentlichten nun die Ergebnisse des jüngsten Experiments zu diesem Phänomen. Gemeinsam mit einem Regisseur übertrugen sie das Experiment auf eine Reality-Spielshow.

Die 80 Spieler wurden aus einem Pool von 2600 Menschen so ausgewählt, dass verschiedene Alters- und Berufsgruppen, sowie Männer und Frauen vertreten waren. Die Spieler sollten nun anderen angeblichen Mitspielern (eingeweihte Personen) Fragen stellen und sie mit (vorgetäuschten) Elektroschocks für falsche Antworten bestrafen. Dabei wurde nach und nach die Spannung erhöht. Kamen den Spielern Zweifel an der Strafmaßnahme, wurden Sie von der Showmasterin darauf hingewiesen, dass sie bitte die Regeln befolgen sollen.
Das erschütternde Ergebnis: Je nach Spielgestaltung waren bis zu 70% der Probanden bereit, bis zur maximalen (tödlichen) Spannung von 460 Volt zu gehen. Damit bestätigte auch dieses Experiment die Ergebnisse Milgrams. Interessant ist nun, dass diese Personengruppen nach 8 Monaten angerufen wurden, um einen Persönlichkeitstest, die als Meinungsumfrage getarnt war, durchzuführen. Der Zusammenhang mit dem Experiment wurde erst am Ende der Befragung mitgeteilt. Nach eigenen Aussagen hatten die Befragten diesen Zusammenhang nicht erkannt. Die Befragung diente dazu, die Ausprägung wesentlicher Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für Neues, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit (s. Tabelle) festzustellen. Anschließend wurde analysiert, ob es auffällige Zusammenhänge zwischen diesen Merkmalen und dem Verhalten im Experiment gab. In der Tabelle sind die Ausprägungen der Merkmale der Personen rot gekennzeichnet, die starke Elektroschocks verabreichten. Hohe Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit begünstigen offensichtlich die Bereitschaft Regeln einer Autorität zu befolgen, auch wenn sie solche Grausamkeiten fordert.


Merkmal

starke Ausprägung

geringe Ausprägung

Extraversion

kontaktfreudig, herzlich, unternehmungslustig

verschlossen, eigenbrödlerisch

Neurotizismus

ängstlich, gehemmt, , geringes Selbstbewusstsein

gelassen, robust, selbstgewusst, zufrieden

Offenheit für neue Erfahrungen

experimentierfreudig, kreativ, fantasievoll, neugierig

konventionell, traditionsbewusst

Verträglichkeit

umgänglich, vertrauensvoll, hilfsbereit, nachsichtig

kritisch, skeptisch, feindselig

Gewissenhaftigkeit

diszipliniert, pünktlich, sorgfältig, ausdauernd, verlässlich

unzuverlässig, leicht ablenkbar

Bild: „Big Five“ – die fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit nach dem Persönlichkeitsinventar von Costa und McCrae

Besonders auffallend ist, dass diese Eigenschaften normalerweise vorteilhaft sind und mit eher geringer Neigung zu Aggressivität verbunden sind. Menschen dieses Charakters konsumieren weniger Drogen, sind seltener kriminell und verfügen über eine höhere Bildung. Das grausame Verhalten im Spiel wurde also sehr viel stärker durch die Bereitschaft zum regelkonformen Verhalten geprägt als durch sadistische Züge. Sozialer Druck durch Mehrheiten oder Autoritäten üben gerade auf gewissenhafte, harmoniebedürftige und konservative Menschen einen starken Einfluss aus. Dadurch werden Skrupel, eigene Wertevorstellungen oder Mitgefühl zugunsten konformen Verhaltens unterdrückt.

Fazit für die Projektarbeit: Nicht jeder, der sich an Regeln hält, ist auf dem richtigen Weg. Nicht jeder, der Regeln in Frage stellt, ist auf dem Holzweg. Genauso wie es wichtig ist, Regeln zu definieren und auf deren Einhaltung zu bestehen, ist es auch von großer Bedeutung, diese Regeln auch immer wieder kritisch zu hinterfragen und ihre Gültigkeit vor dem Hintergrund von Werten wie Menschlichkeit, Mitgefühl und Toleranz zu überprüfen.

Quellen:

Beauvois, J.-L. et al.: Migram á latelevision: une transposition du paradigme d´obeisance (in Druck)

Milgram: S.: Das Milgram-Experiment. Rowolth, Reinbeck, 1974

Bégue, Laurent et al.: Rebellen am Schalthebel, Gehirn&Geist, 9/2010

 

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